Gitarrentage 2010

Wenn wir singen, ist alles schön

Kerstin Blodig und Howard Levy: Eröffnungskonzert zu den 16. Gitarrentagen in Schorndorf

Kerstin Blodig verzauberte ihre Zuhörer mit alten nordischen Balladen und einem Gitarrenspiel, das an die Naturschönheiten Norwegens denken lässt. Kerstin Blodigs Gitarrenspiel beschwört Bilder herauf von plätschernden Gebirgsbächen und tiefsten Fjorden. Mit norwegischem Trollsang und einer provozierenden Mundharmonika aus Chicago leiteten Kerstin Blodig und Howard Levy die Weltmusiknacht und damit die 16. Gitarrentage in der Schorndorfer Manufaktur ein.  
 
Kerstin Blodigs Stimme ist klar wie das Wasser, das sie besingt, wenn die Eiszapfen nach einem langen skandinavischen Winter schmelzen und der langersehnte Frühling Einzug in den hohen Norden hält. Sie verzaubert mit kristallenen Gitarrenklängen, schnalzt mit der Zunge, gurrt, singt a cappella, besticht mit der samischen Trommel.
Die Frau mit norwegischen Wurzeln beschwört in einem Trollsang, einem Zauberspruch, den Frühling, entführt ins norwegische Gebirge und an majestätische Fjorde. Ihre kristallene Stimme zeugt trotz Melancholie von ungebrochener Lebensfreude. Ihr Gitarrenspiel ist plätschernder Gebirgsbach und tiefster Fjord zugleich.

Sie besingt alte skandinavische Sagen von Wald-, Wasser- und Bergtrollen, die versuchen, die Menschen in ihr Reich zu locken und dabei das Sonnenlicht meiden, das sie zum Platzen bringt. Ihrer Gitarre entlockt sie die trippelnden Schritte der Trolle, die sich vor dem anbrechenden Tag in Sicherheit bringen. „Wenn wir singen, ist alles schön“, sagt Blodig und lässt mit ihrer Stimme den Wind durch die Frühlingsblätter rauschen, als sie die mittelalterliche Ballade vom König der Elfen singt, der ein schönes Mädchen überlistet, für alle Zeit bei ihm zu bleiben.

Selbst komponierte Lieder und alte nordische Balladen
Sie singt selbst komponierte Lieder sowie alte nordische Balladen: Ein Jüngling muss nach einer Nacht bei seiner Geliebten den Kampf mit ihren sieben Brüdern auf sich nehmen, bis er sie nach drei Tagen in die Flucht schlägt. Ihre Interpretation des norwegischen Klassikers „Danse, ikke gråte nå“ aus den 70er Jahren zeigt ihre Naturverbundenheit: „Diese Erde gibt uns zu essen, lass uns behutsam in diesen Tanz des Lebens gehen. Tanze jetzt und lass uns nicht traurig sein.“

Howard Levys farblicher wie musikalischer Kontrast zu Kerstin Blodig könnte nicht größer sein: Dunkel gekleidet, fühlt sich der Musiker aus Chicago in seinem Livingroom, ausgestattet mit einem schwarzen Klavier, heimisch. Seine Musik ist alles andere als gedämpft und grau.

Die melancholischen Töne der Mundharmonika, die Nostalgie mitschwingen lassen, treibt Levy in unermessliche Höhen, bis an die Grenze des Ertragbaren. Als Hintergrundmusiker ist Levy jedenfalls nicht zu gebrauchen. Er fordert seine Zuhörer, strapaziert sie und macht es niemandem einfach, der sich auf einen harmonischen Konzertabend eingestellt hat.

Die Jazzelemente, die sich mit melancholischem Blues verweben, haben etwas Lauerndes und beinhalten doch eine Komik, von der niemand im Saal, im Positiven wie im Negativen, verschont bleibt. Absichtlich schräg, hohe Frequenzen, dass die Ohren klingeln, Töne, die sich so schnell aus der Mundharmonika drängen, dass sie sich überschlagen und nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind: Provozierende Disharmonie trifft kuriosen Humor.

Howard Levy lässt seine Finger beschwingt über das Klavier fliegen, stampft dazu mit den Füßen, und spätestens, als er gleichzeitig eine andere Melodie, scheinbar ohne Takt, durch die Mundharmonika jagt, wird jedem klar, dass er seine Kunst meisterhaft beherrscht - ob man Gefallen an den absichtlich schrägen Tönen findet oder nicht. Levy zupft an der Maultrommel, um gleich darauf zur widerhallenden Vogelsangpfeife zu greifen, imitiert Katzengesang und den Straßenlärm von Chicago, quakt mit der Harmonika in den Hohlkörper eines Weinglases und erweckt das Gefühl, nicht nur ein Mann, sondern ein mehrstimmiges Orchester stehe auf der Bühne. Mit "Amacing Grace" widerspricht Levy dem Vorwurf, dass er mit seiner Mundharmonika nur provozieren kann.

Stuttgarter Nachrichten, 14.05.2010, Ann-Katrin Fett

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