Gitarrentage 2011

„Madness” in der Männerdomäne...

 

Gitarrentage mit Workshops auf dem Schorndorfer Manufakturgelände und in der Volkshochschule

Die Gitarrenwelt ist auch weiterhin eine Männerdomäne, und nur an einem mangelt es, wie immer bei den Gitarrentagen: an Frauen. Lediglich im Publikum halten sich die Geschlechter etwa die Waage, aber: nur eine weibliche Dozentin, kaum Teilnehmerinnen in den Kursen. Was freilich nicht immer an deren Inhalten liegen kann.

Die Schorndorferin Angelika Fischer fühlt sich äußerst wohl im Percussion-Kurs des Schlagzeugers Markus Faller. Als eine von nur zwei Teilnehmern – für sie ein „Glücksfall. Noch nie war’s so intensiv wie diesmal!“ Sie lerne viel, unter anderem, dass Rhythmus und Percussion etwas sind, das vom Herz, vom Gefühl her kommt und nicht in erster Linie vom Kopf. Schade nur, findet Fischer, dass sie nicht auf mehr Frauen treffe, aber sonst: perfekt! Ein Privileg, von Faller so direkt zu lernen, wie man sich jedem Instrument nähern müsse, um es zum Klingen zu bringen. Heute sollen auch die Kids von der Kindertagesstätte in den Genuss dieser Erfahrung kommen und den Kurs zahlenmäßig aufstocken.

Ansonsten ist Fallers Workshop der am schlechtesten besuchte in einem Teilnehmerfeld, das diesmal laut Jürgen Roth vom Kulturforum, Sektion Musik, nicht ganz so umfangreich ist wie im sensationell gut belegten letzten Jahr, aber doch „zufriedenstellend“. Ein paar Kurse sind voll, etwa Blues („sofort der Renner!“), Rock, Jazz. Sogar der sonst eher spärlich besuchte Klassik-Kurs ist diesmal relativ gut angekommen, weil Teilnehmer vom letzten Jahr die Dozenten Dirks & Wirtz weiterempfahlen.

Und vor allem läuft natürlich Dave Martones vollmundig titulierter „Mad Guitar“-Workshop. Wer kommt eigentlich auf solche Titel? Und sind sie dafür entscheidend, dass viele Leute darauf ansprechen? Roth: „Wir denken uns die Kursnamen in der Sektion aus. Aber die Leute kommen vor allem, weil sie einen Dozenten auf YouTube gut fanden.“ In den letzten drei, vier Jahren habe es sich so entwickelt, dass kurz nach Bekanntgabe des Kursangebots im Internet recherchiert würde, sich viele daraufhin entschieden.

Und in Martones Fall ausschließlich Männer. Im Halbkreis hocken sie im Großen Saal der VHS-Werkstätte beim Jazzclub Session 88 um den Amerikaner, neben sich den selbst mitgebrachten Übungsverstärker samt Effektgeräten, und hauen mit mehr oder weniger fliegenden Flinkefingern die Licks nur so raus aus ihren E-Gitarren. Einmal schrubben alle einen Akkord, über den der Meister dann ein Solo spielt, bis er anschließend ein paar Tricks zeigt, samt Fingersatz, Anschlagstechnik, Spezial-Phrasierung. Letztere sei besonders wichtig, da der „space between the notes“ die Musik ausmache, der Raum zwischen den Noten, somit auch die Pausen, die Löcher.
Aber was ist so „mad“, so verrückt an Martones Lehrmethoden? Dass er die Gitarre außerhalb gängiger Muster klingen lasse, sagt ein Schüler, dass Standards weniger zählten als neue Ideen. „Und du kannst das alles auch langsamer spielen!“ Sprich auch jene, die sich anfangs auf der vom Kursleiter gewünschten Skala zwischen eins und zehn eher weiter unten platzierten, kriegen eine Chance.

Ähnlich wie in Wolfgang Schmids Bandkurs nebenan im Jazzclub. Auch da gibt’s eine Frau, die gerade „Don’t Let Me Be Misunderstood“ singt, während drei Gitarristen, ein Bassist, ein Keyboarder und ein junger Trompeter gemeinsam den Groove zu ergründen suchen. Vor ihnen Schmid, international gefragte Bass-Größe. Er hält sich zurück, lässt die Licks eher lässig aus seinem E-Bass laufen und erzählt Anekdoten, etwa wie er in Mexiko das Tequila-Trinken lernte und den Genuss von Stierhoden. Danach klingt die Session um vieles menschlicher, lockerer, groovender. Weil Schmid wie beiläufig betonte, es auf mehr als Technik ankommt, wenn einer Musik machen will. Etwa auf eine gewisse Madness.

Und die scheint bei den Gitarrentagen überwiegend Männern vorbehalten zu sein.

Stuttgarter Nachrichten, 3.6.2011, Michael Riediger

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