Gitarrentage 2010

Nylon klingt besser als Stahl

Akustiknacht bei den Schorndorfer Gitarrentagen

Endlich wieder klassische Gitarren bei den Gitarrentagen! Auch deren Akustiknächte dominierten zuletzt immer Stahlsaiten. Heuer aber endlich mal wieder Nylon! Was noch mehr freut, weil im Vergleich die Dresdner Dirks & Wirtz mit ihren klassischen Gitarren interessanter klingen als der Kanadier Don Ross mit eher herkömmlichem Fingerstyle auf Stahl.

Wobei „herkömmlich“ die Sache auch nicht trifft, weil Don Ross einzigartig perkussiv spielt und dabei präzise wie eine Spieluhr. „Heavy Wood“ nennt er seinen Stil, eine extrem dynamische Anschlagstechnik in zumeist offener Stimmung. Der auch mit Lehrbüchern relativ erfolgreiche Gitarrist, Komponist und Musikpädagoge gibt sich auf der Bühne der Manufaktur als Bär von einem Mann: robust, rustikal und, vor allem, rhythmusorientiert. Eine „Rhythmus-Maschine“, findet ein Zuhörer, als Ross im Stehen sein Instrument in Berserker-Manier bearbeitet.

Die Linke fingert vermeintlich frei auf dem Griffbrett herum, die Rechte haut aufs Schallloch, als kenne der Künstler keinerlei Akkordstruktur und kümmere sich auch nicht weiter drum. Seine Seminarsschüler unter den 200 Zuhörern in der vollen Manu werden sich jetzt fragen, welche geheimnisvolle Stimmung ihm wohl diese Freiheit zum Fingern, diese Negation von Akkorden und Griffen ermöglicht.

Aber es stecken nicht allein Skalen, sondern auch Technik, Effektgeräte, Klangeinstellungen hinter seinem Geheimnis. Für ein Stück schraubt er sich seine elektrische Frame-Gitarre zusammen, ein Spezialbau für Flugreise-Erleichterungen, und schrubbt diese geradezu fanatisch funky, bis ein Klick aufs Effektpedal den Sound in Richtung trocken furzender E-Bass variiert, Ross Rock-Riffs zitiert („Smoke on the water“, „Sunshine of your love“) und das Publikum zum Lachen bringt, so wie es insgesamt die Performance des Kanadiers mit Humor quittiert. Außer wenn dieser singt, etwa Coversongs diverser Liedermacher (Jeff Buckley, John Martin), oder eigene Stücke mit seltsamen Namen wie „Music for vacuuming“ (Musik zum Staubsaugen) oder „Draculas friends, Part 2“ mit ebenso seltsamen Sounds ausstattet, die sich vor allem rhythmisch strukturieren. Was allerdings in seiner Beschränkung aufs Perkussive etwas formlos, auf Dauer etwas ermüdend wirkt.

Ganz anders Dirks & Wirtz, zwei junge Dresdner (siehe auch Artikel oben), die sich auf der dortigen Hochschule beim deutschlandweit einzigartigen Studiengang „Gitarre Weltmusik“ kennenlernten. In hervorragend ausgesteuertem Raumklang perlt und pulst ihre Musik so warm und so ehrlich, auch so melodiös, dass keinerlei Effekte oder andere Eitelkeiten nötig sind, um die Zuhörer zu begeistern. „Von Piazzolla über Sting bis zu den Beatles“, so hieß es vorab von den Veranstaltern, reiche die Bandbreite ihrer Fremdbearbeitungen. Aber dann stehen vor allem Eigenkompositionen im Zentrum, mal stimmungsvolle, hochmelodiöse Fingerstyle-Balladen, die alle dynamischen Schattierungen von geschrubbt über gezupft bis gestreichelt streifen, kuschelige Klänge wie in Zeitlupe aufeinanderfolgen lassen, sich rechtzeitig wieder straffend beleben und schließlich sanft entschweben - oder aber hochenergetische Feuer-und-Flamme-Musik, die, von Flamenco- oder Bossa-Temperament genährt, im Pizzicato-Galopp so rasend aus den Gitarren stürmt, wie sich ein Steppenbrand an spanischer Sommersonne entzündet.

Weltmusik, wahrlich, gefasst in Nylonsaiten-Poesie, wie wir sie bei den Gitarrentagen lange vermissen mussten.

Stuttgarter Nachrichten, 15.05.2010, Michael Riediger

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