Gitarrentage 2011

Spannung in der Stille

 

Akustiknacht bei den Gitarrentagen mit Dirks & Wirtz, Ralf Gauck und Frank Haunschild
Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass die Akustiknacht der Gitarrentage, der Abend der leisen Töne, mit 200 Zuhörern in der bestuhlten Manufaktur ausverkauft sein würde. Ein anspruchsvoller Abend immerhin, auch weil Zuspätkommende bei geschlossener Tür warten müssen, bis nach dem Ende eines Stückes applaudiert wird, bevor sie den Saal betreten dürfen. Eine sinnvolle Sache, vor allem beim Duo Dirks & Wirtz.  

Schon im letzten Jahr überzeugten die beiden Absolventen der Dresdner Musikhochschule mit feinsinnig filigraner Ensemblekunst. Wie sehr sich Gitarren ineinander verzahnen lassen, wie klug konstruiert und gleichzeitig feurig sie dabei klingen, wie zwei Solisten zum gemeinsamen Höhepunkt kommen, ohne dass einer den anderen aussticht – geradezu exemplarisch führten dies Dirks & Wirtz vor und lehrten es auch noch im Workshop. So nachhaltig, dass ihr Kurs in diesem Jahr vergleichsweise gut besucht war.

Auch ihr Konzert ist eine Lektion, wie still es unter konzentriert zuhörenden Menschen werden kann, wie viel Spannung sich unter solchen Umständen aufrechterhalten lässt und wie schön Stille klingt. Wieder mischen Dirks & Wirtz die Stile, E- und U-Musik, Humor und technischen Anspruch. Ihre Hommage an Bud Spencer, dessen Filme Dirks angeblich alle am Stück sah, nachdem das Fernsehverbot seiner Kindheit nicht mehr galt – eine so komische wie virtuos gespielte gitarristische Klein-Kunst, zwar nicht im Stil Zappas, wie Dirks scherzhaft vorausschickte, aber mit ganz besonderem Dirks&Wirtz-Witz. Der äußert sich mal im pointiert perkussiven Anschlag zu pfeilschnellen Single Notes, dann wieder in elegisch leisen Tönen bis zum „fade out“ wie in einem Stück, das laut Wirtz von „klassischer Klaviermusik“ inspiriert sei, oder aber in Schrubb-Späßen vom neuen „Kinski Spencer Gismonti“-Album, das im Titel zwei Schauspieler neben nur einen Gitarristen stellt. Wohl um zu sagen: alles nicht so todernst, selbst die Gitarrenkunstnicht!

Das denkt wohl auch Ralf Gauck, laut Veranstaltern "Deutschlands bester Bassist" und auf jeden Fall einer, der seinen akustischen Bass auf die Knie legt und wie eine Gitarre spielt, mit Melodien, Rhythmus, Bass-Begleitung. Mehrstimmig also. Was bei manchem Ver- und Bewunderung auslösen mag, aber von Gauck wohltuend unspektakulär verkauft wird. Er spiele extra etwas schneller, meint er scherzhaft, damit wir noch die zweite Halbzeit von Österreich - Deutschland mitkriegen. Und greift dann nach ausgiebig leisem Einstieg auf melodiöse Rock-Themen zurück, etwa Sachen von Sting, auch der ja ein Bassist. Gauck spielt melodisch, transparent, humorvoll und mit ebenso bescheidener Ausstrahlung wie nach ihm Frank Haunschild, ein Professor für Jazz-Gitarre, aber ohne jeden akademischen Dünkel. Wobei seine Darbietung fast schon wieder zu bieder, zu unspektakulär gerät.

Dass die beiden ausgerechnet „House of the Rising Sun“ und „Norwegian Wood“ im Duo spielen, grenzt in seiner Unbedarftheit an Koketterie. Ist es aber nicht. Sondern das behutsam leise Ausloten instrumentaler Möglichkeiten, indem Songvorlagen ausgeschmückt und harmonisch-strukturelle Grenzen ausgelotet, erweitert, ausgereizt werden. In aller Stille. Spannend, unspektakulär. So wie die besten Momente dieses Abends.

Stuttgarter Nachrichten, 6.6.2011, Michael Riedinger

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